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Kapitel 5

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Von Nordfrankreich nach Paris

Der Norden Frankreichs, das Land der Franken, seit Urzeiten Ziel der Begierde von Nordmännern und Engländern.
Eine große Anzahl von Flussläufen durchziehen das flache Land. Bereits im 12. Jh. begann man sie für den Transport von Waren zum Nordmeer auszubauen. Dünkirchen und Calais wurden blühende Handelsplätze und errangen in beiden Weltkriegen traurigen Ruhm.
Jahrhunderte lang brachen von hier französische Schiffe zu Raubzügen und Schmuggelfahrten in den Ärmelkanal auf. Mehr als der Stadt Dünkirchen wurde im 2. Weltkrieg zerstört und ihr Strand wurde Zeuge der wahrscheinlich größten Rettungsaktion des 20.Jh., als von hier 500.00 britische und alliierte Soldaten mit einer Flottille kleiner Boote nach England in Sicherheit gebracht wurden.


Verwundet mein Herz mit eintöniger Mattigkeit.

Mit dieser Parole informierte die BBC den französischen Widerstand über die Invasion der Amerikaner in der Normandie.
Das Gebiet der Normandie und West-Flandern ist übersäht mit Soldatenfriedhöfen aus zwei Weltkriegen.
Geschichtsschreibung ist die Unfallchronik der Menschheit und dieses unrühmliche Kapitel unserer Vergangenheit werde ich nicht weiter vertiefen.

Die Kanäle und Flüsse die wir jetzt befahren durchlaufen Flandern, das Artois, streifen die Picardie und die Normandie und münden letztlich in die Seine und die Nordsee.

Die Gegend ist genauso trostlos wie ihre Geschichte.
Der Grenzübergang von Belgien nach Frankreich ist nicht zu erkennen. An der ersten Schleuse in Frankreich müssen wir unsere französische Jahresvignette vorzeigen, alles wird genau registriert.
Soviel zum vereinten Europa.
Ein ekelhaft kalter Sturm bläst von der Nordsee ins Hinterland. Die Fahrt ist kalt und ungemütlich.
In Watten an der Aa finden wir eine kleine Steganlage, die recht geschützt liegt.
Nichts lockt uns heute noch aus dem warmen Schiff.
Dieses Wetter erfordert wahrlich eine gehörige Portion Stoizismus.

Die uns von dem Sauwetter aufgezwungenen Ruhepausen benutzt Manfred für Wartungsarbeiten am Boot. Der Generator braucht neues Öl, die Heizung eine andere Einspritzdüse, Motoren müssen kontrolliert werden.
Wir sind dieses Jahr schon mehr Stunden gefahren als andere Bootsfahrer in einem ganzen Jahr.

Und mir bringt es Muße mich über das Umfeld unseres weiteren Reiseweges zu informieren.
Dabei stoße ich immer wieder auf einen Namen: Vauban!

Sébastien le Prestre, Herr von Vauban. Er war wohl der erstaunlichste Mann des 17.Jh. Vauban war einer der größten Feldherren und Baumeister seiner Zeit.
Mit 20 trat er in die Armee des Sonnenkönigs ein, mit 22 erwarb er bereits das Diplom eines ordentlichen königlichen Ingenieurs.
Während der Regentschaft Ludwig XIV. befand sich Frankreich mit fast allen seinen Nachbarstaaten im Krieg.
Vauban nahm in 50 Jahren an 48 Belagerungen teil und wurde 8 mal verwundet. Er brachte es bis zum Marschall von Frankreich.
" Eine durch Vauban belagerte Stadt ist bereits so gut wie eingenommen" ging die Rede der damaligen Zeit.
Doch es hieß auch.....
"Der größte Weise der Belagerungs- und Befestigungskunst, und der fähigste Beschützer des Menschenlebens."
Vauban arbeitet an der Errichtung von mehr als 300 Befestigungsanlagen in Frankreich mit.
"Die Kunst der Befestigung hat nichts mit Regeln und Systemen zu tun, sondern orientiert sich ausschließlich am gesunden Menschenverstand und der Erfahrung."

Er entwirft oder verändert jede alte oder neue Verteidigungsanlage.
Vauban baut als Generalkommissar der Festungsanlagen einen eisernen Gürtel um das Königreich, das" pré carré". Dieser Befestigungsgürtel und die meisten seiner Befestigungsanlagen behielten ihre Funktion über hundert Jahre bis 1870. In der von ihm gebauten Befestigungsanlage in Metz hielten die deutschen Truppen 1944 mehr als zwei Monate ihre Stellung gegen General Eisenhower.
Aber er versuchte sich auch am Bau von Kanälen. Der Canal de Bourbourg von Dunkerque zur Aa, den wir befahren, wurde von Vauban im Auftrag des Sonnenkönigs begonnen und kurz vor der Revolution fertiggestellt.

Um diese ungeheure Arbeit zu bewältigen, hat er sich eine Sänfte anfertigen lassen, damit er während seiner vielen Ortswechsel noch arbeiten konnte.
Doch Vauban war auch Humanist, dem es um das Wohl der Menschen zu tun war. Er trug durch konstruktive Kritik und dem Willen zu durchgreifenden Reformen zu einer bedeutenden Debatte über Natur und Funktionsweise der Monarchie bei.
Sein heimlich gedrucktes Werk "Projekt eines königlichen Zehnten" löste einen Skandal aus, räumte es doch mit den steuerlichen Privilegien des Adels und des Klerus auf.

Vauban war Ehrenmitglied der Akademie der Wissenschaften, Ritter des königlichen Ordens. Als er im März 1707 stirbt, verkörpert er buchstäblich den Übergang von dem königlichen Staat der Krieger in einen neuen Staat der Aufklärung. Als Symbol der Anerkennung für diesen großen Mann Frankreichs, wurde sein Herz 1808 im Invalidendom beigesetzt.
Wir werden während unseres Aufenthaltes in Frankreich oft auf Hinterlassenschaften dieses erstaunlichen Mannes stoßen.

Die Landschaft um uns wird freundlicher, ähnelt sehr den Feuchtgebieten der Camargue.
Wie Adern breiten sich rechts und links von uns kleine Wasserläufe zu einem verzweigten System aus. Früher wurde hier Torf gestochen und über die Entwässerungskanäle abtransportiert. Noch heute sind einige der Kanälchen befahrbar, werden benutzt Berge von hier geerntetem Gemüse in die Städte zu transportieren.
Wir wollen nur eine kurze Fahrt machen und in Arques wieder rasten, dort soll es Strom und Wasser geben. Doch leider Fehlanzeige. Schade, denn hier sind die berühmte Crystal-Fabrik und das alte Schiffshebewerk. Was sollen wir machen?

Wir peilen die Lys an, glauben in dem kleinen Flüsschen mehr Möglichkeiten für Sportboote zu finden. Die erste Schleuse Fort Gassion (ein merkwürdiger Name für eine Schleuse) ist nicht besetzt. Wir legen an, Manfred inspiziert das Schleusenhaus. Es ist Mittagszeit, vielleicht ist der Herr Schleusenmeister Mittagessen. Über Funk meldet sich niemand. Bei der angegebenen Telefonnummer ist ein Automat dran. Was die Dame in französisch erzählt kann ich leider nicht verstehen.
Wir sind ratlos.
Aus einem Nachbarhaus kommt plötzlich eine dicke Tante mit schmuddeliger Schürze, sie rudert mit den Armen: ferme, ferme! Die Schleuse ist z.Zt. nicht in Betrieb, der Weg in die Lys ist uns versperrt. Schade!!

Wir müssen zurück in den Grand Gabarit.
In Béthune ist ein Jachthafen in einem Seitenärmchen in der Karte eingezeichnet.
Wieder Fehlanzeige, der einzig verfügbare Platz ist belagert von Schrottkähnen. Allmählich wird uns klar, warum die Bootsfahrer nicht nach Belgien wollen. Es liegt weniger an Belgien, als an Nordfrankreich. Hier einen Liegeplatz zu finden ist ein Kunststück. Doch es gelingt uns. Als wir die Hoffnung schon fast aufgeben, schleicht sich Manfred in ein Reststück des früheren Kanals und findet tatsächlich vor La Bassée die Reste einer einstmals sehr guten Steganlage. Heute
leider alles total vergammelt. Nicht mal mehr Holzplanken. Strom und Wasser abgezwickt.
Aber wenigstens ein ruhiger Übernachtungsplatz außerhalb des Schiffverkehrs.

Planung für die Fahrt des nächsten Tages ist reine Zeitverschwendung. Wir überlassen unser Ziel dem Zufall.
Und der führt uns glücklicherweise in einen richtig schönen Jachthafen in einem Baggerloch. Wir werden die Gelegenheit nutzen, unsere Vorräte aufzufüllen und mal wieder zu waschen.
Paul der Hafenmeister ist ein echtes Original. Bereits 10 Minuten nach unserer Ankunft packt er Manfred schon in sein Auto und zeigt ihm den Supermarkt.
Natürlich macht er ihn auch mit dem Marktleiter bekannt. Schließlich sind wir ja Gäste aus Allemagne mit einem grand Bateau. Kommt scheinbar wirklich selten vor, dass sich ein Deutscher hierher verirrt.
Manfred ist richtig in seinem Element. Am Ufer des Sees hockt eine Horde Angelrentner und hält Palaver wie im türkischen Basar. Mittendrin mein Spatzel, mit den Armen fuchtelnd, mit einem Stöckchen Zahlen und Symbole in den Sand malend und immer wieder rüberplärrend: "Doris wie heißt das?" Als wäre ich mit meinen 3 Brocken ein wandelndes Wörterbuch.

Eine Woche verkriechen wir uns hier, gehen spazieren und einkaufen und genießen die Ruhe.
Unsere Verbindung zu Strom und Wasser ist wie eine Nabelschnur. Ständige Versorgung von Waschmaschine, Trockner, Batterien und Heizgerät.
Selbstverständlich nutze ich die Gunst der Stunde alles, aber auch wirklich alles zu waschen. Betten werden abgezogen, selbst der Teppich vom Bad wird gewaschen. Von morgens bis abends ist das Hintergrundgeräusch Geschnettere und Gerausche. Als plötzlich Stille eintritt ist Manfred ganz verwirrt. "Sag nur du wärst schon fertig mit waschen? Du könntest doch vielleicht schon ein bisschen auf Vorrat waschen, weil die Gelegenheit so günstig ist !
" Ein frecher Kerl mein Kapitän. Deshalb hab ich ihm auch T-Shirt und Strampelhose vom Leib gerissen, soll nur froh sein, dass er nicht in die Waschmaschine passt.

Ach waren das noch Zeiten, als ich zufrieden hinter meinem Schreibtisch sitzend meine Mitarbeiter delegieren konnte und die auch widerspruchslos sämtliche Anweisungen ausführten. Heute muss ich mich der Qual aussetzen mit einem Mann einkaufen zu gehen, mir mit stoischer Ruhe und engelhafter Geduld aber Gram gebeugt anzuhören was alles benötigt wird und was unnötig ist und anschließend vor lauter Mitleidsbeteuerungen, wie schwer er doch bepackt ist, kaum noch Luft zum Laufen habe.

Unser nächstes Wunschziel ist Douai, nur 10 km entfernt.
Doch leider liegt der Ort voller Penischen, dazwischen wollen wir uns nicht quetschen und ein möglicher Anlandeplatz ist so weit vom Ort weg, dass Manfred das Schiff nicht alleine lassen würde, also fahren wir weiter in den Canal de Sensée. Immer auf der Suche nach einem angenehmen Plätzchen zum Übernachten.
Die Landschaft um uns ist wunderschön, entgegen allen Unkereien.
Im Bassin Rond, dem Abzweig zur Escaut entdecken wir ein Plätzchen am Ufer. Leider gibt es weder Festmacher noch einen Baum, an dem man sich kurzfristig ankrallen kann. Es ist stark windig und das Becken hat wenig Wassertiefe. Entsprechend unwillig hört unsere Beluga auf Kommandos. Doch es hilft alles nichts, Manfred muss raus, Nägel in die Wiese hauen, damit wir Taue ausbringen können.
Das Schiff versucht mit Gewalt mit dem Heck abzudrehen und die Nase ins Ufer zu bohren. Manfred hat 3 Hände, zerrt an den Tauen, haut mit dem Hammer Nägel in die Wiese und plärrt Kommandos zu mir.
Das Resultat, wir liegen fest, aber die kleine Gösch am Bug hat beim Vordermann eingehakt und die Schrauben vom Halter des Fahnenmastes hat es aus dem Holz gezogen. Weiter kein Beinbruch, aber direkt wieder Arbeit für den Herrn Kapitän.

In der Nacht überfällt uns ein Unwetter mit sintflutartigen Regenfällen und einem Sturm, mit Orkanstärke in den Böen. Manfred steht bestimmt 10 Mal auf um festzustellen ob die Nägel noch halten oder das Verdeck sich schon verabschiedet hat.
An Einschlafen ist nicht zu denken, an Aufwachen schon gar nicht.

Übermüdet machen wir uns als der Tag endlich anbricht auf, Richtung Cambrai.
Das Wetter ist immer noch nicht besser. Der Starkwind ist ekelhaft und im Kanal ist sehr viel Wasser. Die Schleusen sind randvoll, entsprechend stark muss man aufpassen, dass das Schiff nicht gegen den Schleusenrand knallt und die Fender sich auf die Schleusenmauer schieben.